Hallo zusammen. Auf unserer heutigen Seite, im L’etage über der Weseler Fussgängerzone geht’s ein bisschen um Politik, und um ein wenig Kulturpolitik geht es auch in meinem heutigen Kommentar.

Letzte Woche machte eine Meldung die Runde, dass sich mehrere Comiczeichner und Verleger zusammengetan haben, und ein Manifest veröffentlicht haben, in diesem Artikel kann man es im Wortlaut lesen. Ich gehöre nicht zu den Erstunterzeichnern, habe aber die Initiative auf der Seite des Literaturfestivals Berlin unterschrieben. Wenn Ihr das auch wollt, könnt Ihr das hier tun. Kurz danach wurde das Anliegen bereits kontrovers diskutiert, und wieder mal kochte die Diskussion um den Begriff  Graphic Novel hoch, man hat anscheinend Angst, dass, sollte eine solche Förderung aus der Taufe gehoben werden, nur wieder nur „die Kunst-Comics“ gefördert wird, dass alle Welt auf einmal nur noch „Graphic Novels“ zeichnet, weil man damit womöglich noch die meiste Aufmerksamkeit generieren kann, und im Idealfall vielleicht sogar ein paar Fördermittel bekommen kann. Als wären „normale“ Comics weniger lesenswert.

Man vergisst bei dieser Diskussion, die sicherlich berechtigt ist, allerdings die Kernaussage des Manifests, nämlich dass die wenigsten Comiczeichner mit ihrer Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen können, auf welche Seite sie sich auch schlagen. Und die Verlage sind eben meist auch nicht in der Lage, die komplette Schaffenszeit eines Comics finanziell zu unterstützen. Es passiert bei kleinen Verlagen sogar ab und an, dass Verleger und Zeichner sich die Finanzierung der Druckkosten teilen. Wenn das keine Liebhaberei ist, weiss ich es nicht. Und so müssen die meisten Zeichner (und auch manche Verleger) den Grossteil ihrer Zeit damit verbringen, irgendwo anders Ihre Butter fürs Brot zu verdienen und nebenher, wenn noch Zeit übrig bleibt, sich ihrer Kunst zu widmen. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich nun schon beinahe sieben Jahre am Fahrradmod arbeite. Es hat natürlich diverse Gründe, warum ich hin und wieder die Arbeit daran ruhen lasse, aber der Hauptgrund für die Dauer ist eben, dass ich mein Geld mit Auftragsillustrationen verdiene. Ich habe zum Glück gut zu tun, und kann so für meine fünfköpfige Familie sorgen. Trotzdem, wenn mir jemand meine Arbeit an den Comics in angemessener Weise bezahlen würde, ich würde mich sofort der Sache komplett widmen. Kein Auftrag macht mir soviel Spass wie das hier. Unter normalen Umständen würde ich locker eine Seite pro Tag schaffen. In meinen besten Zeiten bei eher entspannten Auftragslage schaffe ich allerhöchstens drei pro Woche, und das auch ohne Kolorierung. Gerade ist wieder super viel Auftragsarbeit auf dem Tisch, in den nächsten drei Wochen werde ich wohl keine einzige neue Seite schaffen. Es ist mir also daher nicht möglich, auf die zahlreichen Fragen mit einem konkreten Termin zu antworten, wann das Ding denn endlich fertig wird. Von mir aus so bald wie möglich, aber die Familie geht eben vor.

Um allein mal darauf hinzuweisen, wie lange der Prozess eines Buches dauern kann, wenn man das ohne finanzielle Unterstützung leisten muss, bin ich froh, dass es dieses Manifest gibt. Dass man ein öffentliches Bewusstsein für den Beruf und die Arbeitssituation für Comiczeichner schafft. Ganz ohne zu jammern, es ist ja meine Entscheidung, das so zu handhaben. Aber es muss den Leuten auch bewusst werden, dass jedwede Kunst, sei es nun Musik, oder Literatur, oder Comics, nicht einfach so entsteht, um goutiert zu werden. Es ist Arbeit. Und sollte entlohnt werden, wie auch immer. Mein Buch wird, wann immer es auch fertig wird, nicht unter 30 Euro kosten. Ohne Förderung. Und ich müsste wahrscheinlich um 60.000 Stück verkaufen, um einen einigermassen fairen Stundenlohn für die Arbeit, die darin, steckt zu erhalten. Womit ich natürlich nicht rechne. Geld war nicht der Grund, warum ich damit begonnen habe. Was wahrscheinlich bei den meisten Zeichnern der Fall ist. Sie entscheiden sich für ihre Kunst, weil sie müssen. Aber essen müssen sie auch.

Jetzt steht man natürlich wieder vor der Frage: ist das Kunst, oder kann das weg? Kann man die Politik entscheiden lassen. Am liebsten wäre mir aber, Ihr meine Leser, entscheidet das. Und helft ein bisschen mit.

Danke sehr.

Dean Parrish – Determination

(Marius Müller-Westernhagen)